Staccato am Klavier: kurz, klar und trotzdem locker spielen

Staccato sieht in den Noten eigentlich ganz harmlos aus: ein kleiner Punkt über oder unter einer Note. Und trotzdem gehört es zu den Spielarten, bei denen ich bei Klavierschülern immer wieder dasselbe beobachte:

Die Hand wird plötzlich steif, die Finger springen viel zu hoch – und aus einem leichten Staccato wird ein ziemlich energisches „Hacken“ auf die Tasten.

Dabei bedeutet Staccato nicht: hart spielen.

Staccato bedeutet zunächst einmal: Die Töne werden voneinander getrennt.

Das italienische Wort staccato bedeutet sinngemäß „getrennt“ oder „abgesetzt“. In den Noten erkennt man Staccato meistens an einem kleinen Punkt über oder unter der Note. Es gehört zur Artikulation – also zu der Frage, wie ein Ton gespielt wird.

 

Staccato ist nicht einfach „eine kurze Note“

Oft lernen Anfänger: „Staccato heißt kurz.“

Für den Anfang ist das nicht ganz falsch. Aber musikalisch ist es etwas genauer:

Zwischen zwei Staccato-Tönen soll eine hörbare Trennung entstehen.

Das heißt: Wir spielen die Taste und lassen sie wieder los, bevor der nächste Ton kommt.

Wie kurz ein Staccato tatsächlich sein soll, hängt jedoch vom Tempo, vom Charakter des Stückes, von der Dynamik und vom musikalischen Zusammenhang ab. Ein elegantes Mozart-Staccato kann ganz anders klingen als ein kräftiges Staccato in einem dramatischen Stück.

Deshalb würde ich Staccato nicht als eine mathematisch festgelegte Tonlänge verstehen.

Viel wichtiger ist die Frage:

Welchen Charakter soll diese Stelle bekommen?

 

Der wichtigste Trick: Nicht nur den Ton hören – sondern die Pause danach

Beim Klavierspielen konzentrieren wir uns meistens auf die Töne.

Beim Staccato lohnt es sich, zusätzlich auf etwas anderes zu hören:

auf die Stille zwischen den Tönen.

Spiele zum Beispiel langsam:

C – D – E – F – G

und achte nach jedem Ton bewusst auf die kleine Pause.

Ist wirklich eine Lücke hörbar?

Sind die Lücken ungefähr gleich lang?

Sind trotzdem alle fünf Töne rhythmisch gleichmäßig?

Diese kleine Hörübung verändert Staccato oft sofort. Denn plötzlich konzentrierst du dich nicht darauf, die Finger möglichst schnell nach oben zu reißen, sondern auf das musikalische Ergebnis.

 

Die Taste nicht „wegstoßen“

Ein häufiger Fehler beim Staccato ist eine viel zu große Bewegung.

Der Finger schlägt von weit oben auf die Taste und springt danach sofort wieder hoch.

Das macht das Spielen nicht nur anstrengend. Häufig wird das Staccato dadurch auch ungleichmäßig und unkontrolliert.

Versuche stattdessen, relativ nah an den Tasten zu bleiben.

Spiele den Ton – und denke danach eher an ein Loslassen oder Zurückfedern als an ein aktives Hochziehen des Fingers.

Eine lockere, elastische Bewegung ist wesentlich hilfreicher als ein steifes Handgelenk. Gute Staccato-Technik arbeitet je nach Passage mit Fingern, Handgelenk und Arm zusammen; schnelle Einzeltöne benötigen eine andere Bewegungsorganisation als beispielsweise kräftige Staccato-Akkorde.

 

Staccato muss nicht laut sein

Das ist eine meiner liebsten Staccato-Übungen:

Spiele Staccato ganz leise.

Zum Beispiel fünf Töne:

C – D – E – F – G – F – E – D – C

zuerst mezzoforte, danach piano und schließlich – wenn es gut funktioniert – pianissimo.

Warum ist diese Übung so nützlich?

Weil du beim leisen Staccato nicht einfach mit Kraft arbeiten kannst. Du musst den Anschlag und besonders das Loslassen sehr genau kontrollieren. Gerade leises Staccato kann deshalb die Feinmotorik und die Sensibilität beim Anschlag hervorragend trainieren.

 

Legato und Staccato miteinander vergleichen

Eine weitere sehr wirkungsvolle Übung:

Spiele dieselben fünf Töne zuerst legato.

C – D – E – F – G

Alle Töne sollen miteinander verbunden sein.

Danach spielst du genau dieselben Töne staccato.

Anschließend wechselst du:

vier Töne legato – vier Töne staccato – vier Töne legato – vier Töne staccato.

Dadurch lernst du nicht nur Staccato. Du entwickelst etwas viel Wichtigeres:

bewusste Kontrolle über deine Artikulation.

Du spielst also nicht einfach irgendwie kurz oder irgendwie gebunden, sondern entscheidest ganz bewusst, welchen Klang du erzeugen möchtest.

Und genau das ist später für musikalisches Spielen entscheidend.

 

Staccato mit dem Metronom üben

Ein weiterer typischer Fehler:

Sobald die Töne kürzer werden, werden sie auch schneller.

Aber:

Kurze Töne bedeuten nicht kürzerer Takt.

Die rhythmischen Abstände müssen weiterhin stimmen.

Stelle dein Metronom zum Beispiel auf ♩ = 60 und spiele auf jeden Klick einen Staccato-Ton.

Achte darauf, dass jeder Ton ungefähr dieselbe Länge bekommt und dass du nicht vor dem Klick davonläufst.

Erst wenn das ruhig und gleichmäßig funktioniert, erhöhst du das Tempo.

Langsames Üben und anschließendes schrittweises Steigern des Tempos ist gerade beim Staccato sinnvoll, weil sich Ungleichmäßigkeiten bei höherem Tempo schnell verstärken.

 

Und was macht das Pedal?

Wenn du Staccato üben möchtest, würde ich zunächst ohne Haltepedal spielen.

Warum?

Das rechte Pedal hebt die Dämpfer an und lässt die Töne weiterklingen. Dadurch kann es genau die Trennung verdecken, die du beim Staccato eigentlich hören und kontrollieren möchtest.

Natürlich gibt es in echter Klaviermusik Situationen, in denen Staccato-Zeichen und Pedal durchaus gemeinsam vorkommen können. Dann entscheidet der musikalische Zusammenhang.

Aber beim technischen Üben gilt:

Erst einmal ohne Pedal hören, was deine Finger tatsächlich machen.

 

Typische Staccato-Fehler

Wenn dein Staccato noch nicht so klingt, wie du möchtest, überprüfe besonders diese Punkte:

  • Die Finger springen unnötig weit von den Tasten weg.
  • Handgelenk oder Unterarm werden steif.
  • Jeder Staccato-Ton bekommt automatisch einen Akzent und wird zu laut.
  • Beim Verkürzen der Töne wird gleichzeitig das Tempo schneller.
  • Die einzelnen Töne sind unterschiedlich lang.
  • Das Pedal verdeckt die Pausen zwischen den Tönen.

Meistens hilft es nicht, diese Probleme mit noch mehr Kraft lösen zu wollen.

Im Gegenteil:

Langsamer spielen, kleiner bewegen und genauer zuhören.

 

Meine kleine Staccato-Übung für jeden Tag

Nimm fünf Töne, zum Beispiel C–D–E–F–G.

Spiele sie zunächst langsam staccato aufwärts und abwärts.

Danach spielst du dieselbe Folge leise.

Dann etwas kräftiger.

Danach wechselst du zwischen Legato und Staccato.

Und zum Schluss spielst du die Übung mit beiden Händen.

Das dauert nur wenige Minuten – aber du trainierst dabei gleichzeitig Anschlag, Rhythmus, Koordination, Artikulation und vor allem dein Gehör.

Denn gutes Klavierspielen entsteht nicht dadurch, dass wir eine bestimmte Bewegung hundertmal wiederholen.

Es entsteht, wenn wir wissen, welchen Klang wir haben möchten, zuhören und unsere Bewegung diesem Klang anpassen.

Staccato ist viel mehr als „kurz spielen“.

Ein gutes Staccato kann leicht, elegant, tänzerisch, witzig, energisch oder auch sehr präzise klingen.

Die wichtigste Regel lautet deshalb nicht:

„Finger schnell hoch!“

Sondern:

Höre auf die Trennung zwischen den Tönen, bleibe körperlich locker und entscheide bewusst, welchen Charakter dein Staccato haben soll.

Dann wird aus einem kleinen Punkt in den Noten plötzlich ein echtes musikalisches Gestaltungsmittel.

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